Marketing der Hoffnungen & Sehnsüchte
- 24. März
- 5 Min. Lesezeit
Ich beobachte mit Sorge die immer beliebter werdenden Marketingstrategien in der Yogawelt. Reißerische Überschriften und Heilsversprechen nehmen zu. Ist das wirklich sinnvoll?
Es gibt seit vielen Jahren Kritiker des modernen Yoga. Er habe nichts mehr oder kaum mehr etwas mit der ursprünglichen Yogaphilosophie zu tun und sei mehr Sport und Fitness-Workout als alles andere. Ich selbst finde den modernen Yoga wertvoll und wichtig, wenn es darum geht, dass er sich an unsere moderne Welt mit ihrem Alltag und Lifestyle anpasst - ohne seinen Grundgedanken zu verlieren. Und das geht, da bin ich mir sicher. Und es ist genau das, was und wie ich selbst Yoga für mich übe, unterrichte und auch lehre.
Das Extreme liegt in unserer Natur
Mir fällt auf, dass es vermehrt Yoga-Angebote gibt, die mit geradezu reißerischen Überschriften und Heilsversprechen locken. Genau genommen ist es nicht nur Yoga - auch im Bereich Breathwork und energetsicher Arbeit werden immer wieder Heilsversprechen genutzt, um die Werbetrommel zu rühren und zu schüren.
Ein Stück weit verstehe ich das. Denn wir neigen zum Extremen, das ist nichts Neues. Wir Menschen haben es gewissermaßen im Blut und in unseren Genen, nach "Mehr" zu streben. Genau deshalb funktioniert ja auch das Konzept von "Höher-Schneller-Weiter-Mehr" so gut. Es triggert genau das, was wir alle in uns tragen: Wir wollen mehr, wir wünschen uns mehr, wir lernen grundsätzlich gerne Neues (wenn man uns das nicht bedauerlicherweise im Laufe des Lebens und dabei häufig während der Schulzeit vermiest hat) und wir haben auch alle unsere Wünsche, Sehnsüchte und Träume. Natürlich kann es auch passieren, dass wir uns dazu entschieden haben, zu reignieren und so aus welchen Gründen auch immer, unsere Träume abzuhaken und ad acta zu legen.
Das Spiel mit Sehnsüchten und Hoffnungen
Es ist schwer geworden in der Yogaszene, obwohl immer mehr Menschen ihre Yogamatte ausrollen. Die Zielgruppe wächst kontinuierlich, das Angebot auch. Trotzdem ist es alles andere als einfach, als Yogalehrer:in oder auch Yogaschule nicht nur Interessenten, sondern Teilnehmer für das eigene Angebot zu finden. Und so verwundert es im Grunde nicht, dass mit Sehnsüchten und Hoffnungen gearbeitet wird. Ich finde, das ist eine Marketingstrategie der glorreichen Prophezeihungen, die sich in einem gefährlichen Grenzbereich bewegt.
Ich sage es ganz deutlich: Heilsversprechen sind verboten! Es gibt tatsächlich ein Heilmittelwerbegesetz (HWG) und es ist gesetzlich verboten, also rechtswidrig, Heilung oder sogar Linderung mit Werbung zu versprechen, die wissenschaftlich nicht belegt ist. Und zudem kommt es dann auch noch darauf an, wer solche Aussagen macht.
Als Yogalehrer:innen dürfen wir beispielsweise weder behandeln, noch therapieren, keine Diagnosen stellen und auch nichts von Heilung erzählen. Und trotzdem wird fleißig damit geworben. Das kann einerseits rechtlich problematisch werden, wenn entsprechende Stellen darauf aufmerksam werden und ich finde es auch nicht fair den Interessenten gegenüber.
Wir lieben schnelle Lösungen - Marketing der Hoffnungen
Ich bin sicher nicht alleine damit, wenn ich sage, schnelle Lösungen sind toll. Die meisten Menschen finden den Gedanken, ein Problem unkompliziert, effektiv und einfach lösen zu können, sicherlich so ansprechend wie ich.
Und so klingt es natürlich durchaus verlockend, wenn man hört und liest, dass man mit einer ganz bestimmten Yogapraxis endlich abnehmen kann, ohne etwas an seinem Essverhalten verändern zu müssen. Oder dass man mit nur einer Stunde bewusstem Atmen oder einer geführter Trancereise zu Musik seine emotionalen Altlasten und Trigger ausatmen kann.
Es klingt mehr als verführerisch, wenn man Werbevideos sieht, in denen Menschen in Savasana liegend weinen und dabei so unglaublich erleichtert und befreit aussehen. Denn was, wenn es wirklich so einfach ist? Was, wenn es stimmt und genau so easy funktioniert? Diese Gedankengänge kenne ich selbst auch nur zu gut.

Genau deshalb faszinieren mich seit Jahren genau die Tools und Praktiken, die einfach sind in ihrer Umsetzung und gleichzeitig unbeschreiblich viel bewirken, klären, lösen und erkennen lassen können.
Genau deshalb liebe ich Yoga, Yoga Nidra, Klangmeditationen, Düfte,
Breathwork und Stressmanagement-Tools.
Manches lässt sich nicht erzwingen - contra Marketing der Hoffnungen und Sehnsüchte
Genau das ist der entscheidende Punkt: viele Techniken KÖNNEN, auch Yoga KANN etwas in dir lösen, heilen und klären - aber es muss nicht so sein! Und ich bin mir sicher, dass sich emotionale Befreiung, Trauma Release und Heilung nicht erzwingen und auch nicht durch Druck beschleunigen lassen. Die Gewaltlosigkeit ("ahimsa") ist zudem fester Bestandteil des Yogawegs nach Patanjali, also Teil der Yogaphilosophie.
Es funktioniert einfach nicht auf Knopfdruck, nur weil du das jetzt gerne so hättest. Und es funktioniert auch nicht, nur weil man es dir verspricht oder vorgaukelt. Trotzdem: Du kannst und darfst natürlich gerne ausprobieren, was immer dich ruft. Und wenn es dich wirklich ruft und magisch anzieht, dann wird das auch seinen guten Grund haben.
Ich empfehle dir allerdings: Mach dich möglichst frei von Erwartungen, denn ansonsten baust du Druck in dir auf und die Wahrscheinlichkeit, dass dann genau der Effekt eintritt, den du dir erhoffst, wird verschwindend gering.
Es gibt auch Anbieter, die ihren Angeboten möglicherweise genau deshalb ordentlich "Wumms" verleihen und intensiver arbeiten als eigentlich notwendig. So erhöht sich Wahrscheinlichkeit, dass trotz mitgebrachter Erwartungshaltung "etwas" passieren kann.
Vielleicht kommt diese Vorgehensweise auch aus der Überzeugung heraus, dass nur viel auch viel hilft. Aber das ist letztlich "Himsa" - die Gewalt. Und genau genommen bewegen wir uns damit dann nicht mehr nur im Bereich der Heilsversprechen, sondern sind bei einer "Heilsgarantie" angekommen, die man einhalten will. Und eine Garantie kann dir niemand geben.
Nochmal: Meine tiefe Überzeugung und auch meine persönliche Erfahrung ist, dass sich Heilung, Klärung und Erkenntnis nicht gewaltsam herbeiführen lassen. Ich bin mir sicher, dass sich die Psyche selbst schützt und sich immer nur genau das an Emotionen und Traumata aus deinem System löst, um geklärt und transformiert werden zu können, für das du selbst bereit bist.
Wenn dann allerdings mit immenser Intensität, sprich mit Druck von außen gearbeitet wird, kann das eine schlichte Überforderung werden und ob dann Heilung überhaupt noch möglich ist, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln, weil mit Gewalt und Nachdruck kann leider auch "der Schuss nach hinten losgehen".
Ich finde es nicht fair, Sehnsüchte zu missbrauchen, indem man reißerisch Problemlösung und Heilung verspricht. Und ich finde es grob fahrlässig und unverantwortlich, durch Intensität gewaltsam Effekte herbeizuzwingen, die den Einzelnen womöglich überfordern und dann mehr schaden als nützen.

Alles kann - nichts muss!
Deshalb mache ich keine Heilsversprechen. Nicht nur nicht, weil es verboten ist.
Ich kommuniziere mit dem Verb "kann", weil ich weiß, dass alles seine Zeit hat.
Ich spreche von "vielleicht" und von "möglicherweise". Weil du selbst entscheidest, wann du bereit bist, etwas zu verändern.
Ich gebe mit meinen Angeboten Impulse, aber ich verspreche bewusst nichts. Es liegt nicht in meiner Verantwortung, wann du erkennen kannst und willst, wann du klären kannst und willst, wann du heilen kannst und willst - denn du alleine bestimmst den für dich richtigen Zeitpunkt.
Auch Buddha wurde nicht erleuchtet, weil er es verlangt oder gefordert hat, auch nicht, weil er hart trainiert hat, sondern er wurde erleuchtet, als er sich unter einem Baum entspannt hat. Er ließ los, war frei von Erwartungen und plötzlich geschah es.
Ich reiche dir die Hand, mit dem, was ich anbiete und unterrichte. Ich halte dir den Raum und ich halte dich, wenn du bereit bist. Du allein entscheidest, wie weit du gehen möchtest, wie tief du eintauchen willst und wann für dich der Moment ist, um loszulassen - um dadurch letztlich zu erkennen, zu klären, zu transformieren .... und durchaus auch zu heilen.
Ich habe mich bewusst dazu entschieden, hier gegen den Strom zu schwimmen.
Stattdessen ist mein Anliegen und Wunsch, einen Raum zu öffnen, in dem du dich entspannen kannst, in dem du loslassen darfst - auch alle vielleicht insgeheim mitgebrachten Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen. Denn nur wenn du dich frei machst und loslässt, wird es möglich, dass genau das zu dir finden kann, wonach du dich sehnst.
Deine Mel





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