Die Zeit ist der Grund für Erschöpfung
Wir wünschen uns alle mehr Zeit und haben allzu oft das Gefühl, zu wenig davon zu haben. Die Folgen sind Stress, Erschöpfungsgefühle, Verzweiflung, Angst und womöglich sogar ein echtes Burn-out. Was wäre, wenn unsere Definition von Zeit die Wurzel des Übels ist?
Kürzlich las ich einen interessanten Blogartikel über die Zeit und unser Zeitempfinden bei "My Monk" von Tim Schlenzig. Und was ich da las, machte mich nachdenklich.
Sicher kennst du das auch, dass es Tage oder auch nur Momente gibt, in denen du dich am Ende deiner Kräfte fühlst - erschöpft, ausgelaugt, ausgebrannt und kraftlos. Und vermutlich schwingen dabei auch noch starke Gefühle mit, die unangenehm sind und dich noch schwächer und schlapper fühlen lassen wie Verzweiflung, Angst oder sogar Sinnlosigkeit. Vielleicht zweifelst du dann auch an dir selbst und fragst dich, was du falsch machst oder was an dir falsch ist, dass du dich so elend und schlecht fühlst.

Vielleicht schiebst du das Ganze - und diese Strategie ist sehr weit verbreitet und sogar von Medizinern ein gerne genannter Grund - auf das Alter. Denn wenn wir älter werden, sollen wir ja bekanntlicherweise weniger leistungsfähig sein und einen spürbaren "Leistungsabfall" erleben.
Es mag ja sein und ich bezweifle das überhaupt nicht, dass man in der Kindheit, Jugend und im jungen Erwachsenenalter vor Energie und Kraft nur so strotzt. Doch ich behaupte, dass wir im Verlauf unseres Lebens auch irgendwann an den Punkt kommen und vor allem kommen dürfen, an dem wir gewisse Dinge, Abläufe und auch Routinen in Frage stellen. Ich kenne das von mir selbst. Ich möchte überhaupt nicht mehr so selbstzerstörerisch powern wie ich das noch in meinen 20ern gemacht habe. Ich bin einfach nicht mehr bereit, mich derart zu verausgaben und auch im Job wahrhaft ausnutzen und ausbeuten zu lassen, wie ich das damals getan habe. Ich weiß heute auch, dass ich niemandem etwas beweisen muss, Ich weiß, dass ich meine Leistungsfähigkeit, meine Motivation und meine Leidenschaft nicht durch Überstunden, hohes Arbeitstempo und über meine Grenzen gehen belege. Ich will es auch einfach nicht mehr, weil mir klar ist, dass ich damit nur mir selbst schade.
Aber warum fühlen wir uns trotzdem immer wieder erschöpft und am Ende unserer Kräfte? Vielleicht denkst du, dass ich mich weigere, das Alter mit seinen Auswirkungen zu akzeptieren und dass es eben doch den als Grund und vielleicht auch als Ausrede, um nichts kritisch hinterfragen oder ändern zu müssen, berühmten altersbedingten Leistungsabfall gibt und der an allem Schuld ist. Ich sehe das anders und behaupte, dass unsere Definition von Zeit der Knackpunkt ist.
Unsere Definition von Zeit ist der Grund für deine Erschöpfung
Unser Zeitempfinden und Zeiterleben hat sich im Laufe der Jahrhunderte und insbesondere in den letzten Jahrzehnten eklatant verändert:
Die Menschen lebten vor der Industrialisierung im Einklang mit den natürlichen Rhythmen. Die Zeit war aufgabenförmig. Man erntete das Feld ab und diese Aufgabe dauerte so lange, bis sie erledigt war. Man pflückte Beeren oder molk die Kühe oder Schafe, bis man damit fertig war - nicht bis eine bestimmte Uhrzeit erreicht war. Man machte Feierabend beim Holz hacken oder Felder bestellen, wenn es dunkel wurde. Die Zeit orientierte sich an den Aufgaben, die zu erledigen waren. Und die Aufgabe selbst stand im Vordergrund. Auf sie legten die Menschen den Fokus. Heute ist es die Stechuhr - oder auch die Armbanduhr.
Die Zeit ist zum Maß aller Dinge geworden
Mit den Uhren und der Fließband- und auch Büroarbeit wurde die Zeit zu etwas Abstraktem, das man hat oder eben nicht. Die Aufgabenorientierung wich einem Arbeitspensum, das in Zeit gemessen wird. Es entstand die 38-Stunden-Woche, später die 40-Stunden-Woche und trotzdem ist da immer wieder das Gefühl, dass wir nie fertig sind und eine Aufgabe erfüllt ist. Denn ist ein Punkt auf der To Do Liste erledigt, sind in der Zwischenzeit neue Aufgaben entstanden. Das war auch vor der Industrialisierung so. Auch damals kamen immer wieder neue Aufgaben auf uns Menschen zu, die zu erledigen waren. Der entscheidende Unterschied ist, dass sich unser Blick auf die Zeit verändert hat. Und der Wert, den wir dem akstrakten Konstrukt Zeit geben, eben auch.
Heute ist Zeit eine Fließband-Erfahrung
Ich erinnere mich noch gut, als ich Geld für meinen Führerschein gespart und deshalb Ferienjobs gemacht habe. Bei einem dieser Jobs arbeitete ich in einer Fabrik am Fließband. Dieses Fließband läuft und läuft, es steht nie still und du musst an deinem Posten mit diesem Fluß irgendwie mithalten, stupide immer wieder dieselben Griffe ausführen und diese auch unbedingt zu Ende führen, weil sonst der nächste am Band nicht weitermachen kann.
Wir leben also nicht mehr aufgabenorientiert und sind damit in der Zeit, sondern wir haben Zeit, zu wenig davon oder gefühlt keine. Denn die Aufgaben, die zu erledigen sind, hören nie auf und sind durch den veränderten Blickwinkel endlos.
Wir kommen nie an einem Ziel an, weil wir nicht die Aufgabe in den Fokus rücken, sondern die Zeit und diese scheint genau deshalb jeden Tag zwischen unseren Fingern zu zerrinnen.
Und wenn wir dann im Umkehrschluss versuchen, das Tempo anzuziehen, um es endlich doch zu schaffen, alles abzuarbeiten, verursachen wir in uns noch mehr Stress. Und wir scheitern zwangsläufig, weil die Aufgaben nie aufhören. Und der Grund liegt an unserem Fokus - der nicht bei den einzelnen Aufgaben liegt, sondern immer wieder auf die Zeit fällt. Und hier zieht uns der allgemeine Zeitgeist auch immer wieder hin - hinein in diese Überzeugung, dass Zeit Geld ist, dass Zeit wertvoll ist, dass Zeit knapp ist und dann wir alle zu wenig davon besitzen. Dabei ist Zeit, wie wir sie kennen, nur eine Maßeinheit, eine Orientierungshilfe und ein Hilfsmittel. Doch wir machen sie leider zum Maß aller Dinge!
Erschöpfung entsteht durch deinen Fokus auf die Zeit
Wenn wir also der Zeit gefühlt tagein tagaus hinterherhecheln, sind wir ständig nur am reagieren. Denn die Zeit verstreicht und wir versuchen währenddessen, unsere To Do Listen abzuarbeiten. Wir bekommen vom Chef oder Auftraggeber Deadlines, wir haben Termine einzuhalten oder müssen sogar im Akkord arbeiten. Unser Augenmerk liegt auf der Zeit, nicht bei der Aufgabe. Und wir reagieren, anstatt aktiv ins Tun zu kommen und damit zu agieren. Wir erschafffen und kreieren nicht mehr, sondern erledigen, haken und arbeiten ab. Wir haben die Zeit auf einen Thron gesetzt und lassen uns von ihr regieren und sogar tyrannisieren, anstatt unsere Schöpferkraft zu nutzen und den Fluss des Lebens zu erspüren.
Und dann kommt das weltberühmte Buch "Momo" von Michael Ende ins Spiel, das in einer Welt spielt, in der die Erwachsenen von den grauen Herren, die Zeitdiebe sind, manipuliert werden. Den Menschen wird eingeredet, dass sie schneller und mehr arbeiten müssen, um dadurch Zeit zu sparen. Doch das ist eine Illusion.
Zeit selbst, wie wir sie definieren, ist pure Illusion und eine Lüge zugleich. Doch da unsere moderne Welt von dieser Definition von Zeit überzeugt ist und unser System darauf aufbaut, ist es eine Herausforderung, umzudenken. Und es geht nicht nur um umdenken, sondern um ein gegen den Strom schwimmen.

Mein Appell: Verändere den Fokus
Wenn du dich also nicht mehr (so schnell) erschöpft, müde und ausgelaugt fühlen möchtest, musst du tatsächlich deinen Fokus verändern. Denn die Definition und Gewichtung von Zeit ist der Grund für Erschöpfung.
Du darfst dich immer wieder erinnern, dass es nicht nur das Reagieren, sondern auch das Agieren und Kreieren gibt und auch braucht. Nicht nur das Tun, sondern auch das Geschehenlassen. Du darfst dich in Achtsamkeit üben und dich ganz auf das Jetzt konzentrieren - ohne schon wieder in Gedanken zig Schritte, Aufgaben oder Verpflichtungen weiter zu denken.
Nur so bleibst du in deiner Balance. Und du darfst mutig sein und deine Definition von Zeit kritisch hinterfragen, denn im Grunde befinden wir uns schon lange mittendrin in der Geschichte von "Momo".
Und Achtsamkeit üben und so die Zeit von ihrem Thron schubsen, kannst du wunderbar mit Yoga und Meditation.
Alles Liebe
Deine Mel





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